Frühe Hilfen

Jahresthema 2007/2008

Mit Entsetzen reagiert die Öffentlichkeit, wenn dramatische Fälle von Kindermisshandlung und/oder -vernachlässigung bekannt werden. Umso mehr, wenn diese zum Tod der Opfer geführt haben. Die spektakuläre Berichterstattung der Medien vor allem in der zweiten Jahreshälfte 2006 hat der Frankfurter Kinderschutzbund zum Anlass genommen, auf geeignete Maßnahmen zur Prävention zu drängen.

  • Wie greift man wirksam ein bevor die familiäre Situation eskaliert?
  • Wie erkennt man Risiken?
  • Wie könnten wirksame Frühwarnsysteme aussehen?
  • Wie fördert man frühzeitig die Erziehungskompetenz der Eltern?

Die Suche nach Antworten auf diese Fragen gehört zu den Kernaufgaben unserer Kinderschutzarbeit. Die im Kinderhaus im Güntherburgpark vorgehaltenen Hilfs- und Beratungsangebote des DKSB Frankfurt orientieren sich an diesem Verständnis.

So fühlen wir uns in besonderer Weise herausgefordert, wenn wie im September 2006 in einer Publikation der Deutschen Liga für das Kind zu lesen ist:

„Die Lebensbedingungen in Deutschland gefährden das Wohl unserer Kinder. Die Zahl der durch Arbeitslosigkeit und soziale Isolation entmutigten Familien steigt. Armut, Perspektivlosigkeit, Selbstwertverlust, psychische Erkrankungen und Depression der Eltern belasten das Aufwachsen der Kinder. Die Risikokonstellationen für Kindesvernachlässigung und Kindeswohlgefährdung nehmen zu und werden drastisch steigen; da zunehmend mehr Familien in Armutsverhältnisse absteigen. Sozialer Abstieg bedeutet aber nicht nur Verzicht auf Konsum, Urlaub und Auto, sondern geht eng einher mit dem Verlust von Selbstvertrauen und Verantwortungsbewusstsein. Die Konsequenzen sind ein Gefühl von Resignation und Versagen, das sich negativ auf die Handlungs- und Erziehungskompetenz vieler Eltern auswirkt. Man wird sich darauf einstellen müssen, dass Fälle von Kindesvernachlässigung und –misshandlung weiter ansteigen werden.“

Die Angaben zu den Dunkelziffern für Kindesvernachlässigung und –misshandlungen in Deutschland schwanken zwischen jährlich 80.000 (Hurrelmann) und 500.000 (11. Kinder- und Jugendbericht).

Mittlerweile ist bekannt, dass Kinder nicht „zufällig“ vernachlässigt, misshandelt oder sexuell ausgebeutet werden – die Risikofaktoren sind benennbar. Dazu gehören:

Äußere Faktoren: Alleinerziehend, Teenager-Schwangerschaft, beengte Wohnsituation, belastetes Wohnumfeld, Leben ohne Partner, soziale Isolation, häusliche Gewalt, wenig Kontakt zu möglichen Unterstützungssystemen, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit eines Elternteils.

Beziehungsabhängige- und innere Faktoren: Unangemessene Erwartungen an den Säugling/das Kleinkind, schlechtes Selbstbild als Mutter, schnelle Versagensängste, geringe Fähigkeit Stresssituationen auszuhalten, transgenerationale Weitergabe von elterlichem Fehlverhalten bei Eltern mit einer eigenen Vernachlässigungs-, Misshandlungs- oder Missbrauchsgeschichte.

Unsicheres/gestörtes Bindungsverhalten: Die rasch ablaufenden Reifungs-, Lern-, Anpassungs- und Entwicklungsprozesse von Kindern sind auf ein stabiles und sicheres Bindungsverhalten der Eltern angewiesen. Sind diese Bindungssicherheiten gestört, dann werden sich Entwicklungsschritte verzögern oder nicht gut abgeschlossen.


Meist spielen mehrere Risikofaktoren eine Rolle, die zu einem Entgleiten von Beziehungsprozessen zw. Eltern und Kind führen können.
Hier wollen wir mit „Frühen Hilfen“ einsetzen; dabei verstehen wir den Begriff „Frühe Hilfen“ in zweierlei Weise:

  • 1. Frühe Hilfen sind Hilfen, die den Eltern bzw. Bezugspersonen wohnortnah und möglichst früh nach der Geburt zur Verfügung stehen.
  • 2. Hilfen, die Eltern bzw. Bezugspersonen im Sinne von ‚rechtzeitig’ angeboten werden, das heißt also möglichst früh im Krisen- und Konfliktfall zumal bei Vorliegen einer Gewaltdynamik, bevor sich diese entwickeln und verfestigen kann.

In beiden Fällen ist erforderlich:

  • Alle im Kinder- und Jugendhilfebereich tätigen Professionellen müssen (noch) stärker für das Erkennen dieser Dynamik sensibilisiert werden.
  • Es müssen neue Kooperationsformen zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitssystem gebildet werden.
  • Es müssen spezifische Beratungsangebote für Eltern und Qualifizierungsmaßnahmen für soziale und pädagogische Fachkräfte sowie für Mitarbeiter/-innen des Gesundheitswesens entwickelt und vorgehalten werden.


Der Deutsche Kinderschutzbund Bezirksverband Frankfurt am Main e.V. wird sich nach Kräften bemühen, gemeinsam mit seinen Partnern vor Ort und den im Verein zur Verfügung stehenden Kapazitäten die Bewältigung der beschriebenen Aufgaben voranzutreiben.

März 2007